Wenn der Waldspaziergang zur psychedelischen Reise wird
Ein entspannter Waldspaziergang, der Korb voller frischer Pilze, und dann ab in die Pfanne – klingt nach einem perfekten Sommertag. Von Juni bis August füllen sich die Körbe mit köstlichen Funden, die später in cremigen Saucen oder dampfenden Fondues landen. Doch bei einem bestimmten Pilz kann falsche Zubereitung zu bizarren Folgen führen.
In China sorgt ein Waldpilz mit hervorragendem Geschmack regelmäßig für surreale Szenen. Wer ihn nicht richtig kocht, erlebt Dinge, die man sonst nur aus Märchen kennt: winzige Elfen huschen über Wände, kleine Gestalten sitzen plötzlich auf Möbeln. Die Verwirrung ist komplett.
Jedes Jahr dieselben mysteriösen Symptome
Jeden Sommer melden sich in den Krankenhäusern der chinesischen Provinz Yunnan Patienten mit ganz spezifischen Halluzinationen. Der Übeltäter ist bekannt: Lanmaoa asiatica, ein Pilz aus den Kiefernwäldern der Region. Zwischen Juni und August wird er eifrig gesammelt.
In Restaurants und auf Märkten ist dieser Pilz äußerst beliebt – vorausgesetzt, er wird perfekt durchgegart. Andernfalls verwandelt sich eine harmlose Mahlzeit in ein psychedelisches Abenteuer der besonderen Art. Ein Kellner in einem Fondue-Restaurant warnt seine Gäste eindringlich, berichtet der Biologe Colin Domnauer: „Essen Sie ihn nicht, bevor der Timer klingelt, sonst könnten Sie kleine Leute sehen.“
Immer dieselben Visionen – Wissenschaftler stehen vor einem Rätsel
Seit Jahrzehnten fasziniert dieses merkwürdige Phänomen Forscher und Ärzte gleichermaßen. Die Berichte gleichen sich verblüffend: Betroffene sehen stets winzige Wesen, die an Kobolde erinnern – auf Kleidung, auf Tellern, überall.
„Sie sahen sie auf ihrer Kleidung beim Anziehen und auf ihren Tellern beim Essen“, dokumentierte eine chinesische Studie bereits 1991. Besonders verstörend: Die Visionen werden intensiver, wenn man die Augen schließt. Es gibt kein Entkommen.
Revolutionäre Forschung mit überraschenden Erkenntnissen
Colin Domnauer, Doktorand der Biologie an der Universität von Utah, wollte dem Geheimnis auf den Grund gehen. Im Jahr 2023 durchkämmte er die Märkte Yunnans, sammelte Exemplare und testete sie im Labor an Mäusen.
Die Ergebnisse waren verblüffend: Nach dem Verzehr wurden die Nagetiere zunächst hyperaktiv, bevor sie in eine tiefe Lethargie verfielen. Das Rätselhafte daran: Keine bekannte Substanz erklärt diese Halluzinationen. Weder Psilocybin noch andere klassische halluzinogene Verbindungen waren nachweisbar. „Mir ist nichts bekannt, das derart konstante Halluzinationen hervorruft“, erklärt Domnauer gegenüber der BBC.
Ein weltweites Mysterium mit medizinischem Potenzial
Was Forscher besonders verblüfft, ist die außergewöhnliche Gleichförmigkeit der Symptome. Anders als bei anderen halluzinogenen Substanzen, deren Wirkung von Person zu Person stark variiert, scheint Lanmaoa asiatica stets dieselben Visionen auszulösen.
„Die Wahrnehmung kleiner Menschen wird bemerkenswert zuverlässig und wiederholt berichtet“, stellt Domnauer fest. Der Trip kann bis zu drei Tage andauern und wird manchmal von Wahnvorstellungen und Schwindelgefühlen begleitet – manche Fälle erfordern sogar Krankenhausaufenthalte.
Ähnliche Fälle wurden auf den Philippinen und sogar in Papua-Neuguinea bereits in den 1960er Jahren dokumentiert. Dennoch wurde die Art erst 2015 offiziell identifiziert. „Es erschien mir so bizarr, dass ein Pilz märchenhafte Visionen auslösen kann“, erzählt der Forscher noch immer fasziniert.
Hoffnung für die neurologische Forschung
Die Bedeutung dieser Forschung geht weit über wissenschaftliche Neugier hinaus. Das Verständnis dieses Pilzes könnte helfen, neurologische Mechanismen hinter seltenen spontanen Halluzinationen zu entschlüsseln – Phänomene, die bei Patienten auftreten, die nie Pilze konsumiert haben.
„Wir könnten nun verstehen, in welcher Gehirnregion diese lilliputanischen Halluzinationen entstehen“, erklärt Dennis McKenna, Ethnopharmakologe aus Kalifornien, gegenüber der BBC. Was als kulinarisches Missgeschick beginnt, könnte am Ende entscheidende Einblicke in die Funktionsweise unseres Gehirns liefern.










